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5. Juni 2017

Im Übrigen: Praeterea censeo: Erdogan non popularem.

18. März 2017

WERNER H. SKOWRON (30.10.1943 – 18.03.2016).
3 bis 8. Auf die Frage, wie es ihm geht, antwortete mein Vater stets dasselbe: 3 bis 8. Er gab nicht gern Innerstes preis. So glaubte man eigentlich, es sei immer eine 8. Seltsam, dass einer, der dem Wort so sehr verbunden war wie er, der gerne öffentlich arbeitete, so wenig Aufhebens gemacht hat, wenn es um ihn selber ging. Dass er irgendwann einmal sogar ganz ohne Worte auskommen sollte, weil er einen Nachbarn zur Jagd begleiten durfte, obgleich er selber gar nicht jagte, ist für mich so ziemlich das Erstaunlichste, wozu ich meinen Vater fähig dachte. Dabei konnte er nicht nur eloquent sein und faktensicher und ausgreifend. Er erfand auch gänzlich neue Worte, wie die „Karudelkarre“ oder den Satz „stichelige dich nicht“. Sie sind in unserer Familie längst zu Synonymen geworden. Denn sie holten den oft entfernten, weil erst den Zahlen und später der Politik sich verpflichtenden Vater zurück in den Kreis unseres Lebens.
Und das war niemals einfach, nie langweilig. Weil mein Vater vor allem anderen loyal war, großzügig, und sich darin und durch nichts korrumpieren ließ. Wer ihn kannte, ihm Familie war, mit ihm arbeiten sollte / durfte als Vorgesetzter oder Mitarbeiter, wer ihm Sportpartner oder einfach Freund war, wird das bestätigen können. Bisweilen war ein Zusammensein gewiss herausfordernd. Aber langweilig?, langweilig war es nie.
Jetzt ist dieses Zusammensein zu Ende. Herausforderungen gibt es keine mehr. Bleiben Erinnerungen, deren Deutlichkeit uns eine Zeit lang schmerzen wird. Aber die wird gehen und bleiben werden die Erinnerungen.
„Den Tod fürchten die am wenigstens, deren Leben den meisten Wert hat." Als ich meinen Vater das letzte Mal fragen konnte, wie es ihm geht, antwortete er: 3 bis 8.
Er hat sich nicht gefürchtet.

23. August 2016

KANT ist Tod. Hermann Kant, Autor von Die Aula, der literarischen Geißel zahlloser Abiturienten in der DDR, und von Der Aufenthalt - einem dementgegen faszinierenden Buch. Was mich an Hermann Kant stets irritiert hat sind die weichgezeichneten, ihn als seltsam untod aussehen lassenden Fotos, die es von ihm als ZK-Mitglied gab. So wollte ich mir Schriftsteller niemals vorstellen - als Wolf im Schafspelz.

Im Übrigen: Praeterea censeo: Erdogan non popularem.

10. August 2016

Cato der Ältere. Der römische Senator Marcus Porcius Cato Censorius, gen. Cato der Ältere, soll in den Zeiten vor dem Beginn des Dritten Punischen Krieges jede seiner nicht eben wenigen Reden vor dem Senat mit dem Satz beendet haben: Ceterum censeo Carthaginem esse delendam, dt.: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.
In Anlehnung an Cato, doch ohne dessen martialischen Impetus, aber aufgrund der von außen sichtbaren Zustände und nicht zuletzt wegen der fatalen Wortwahl des Herrschenden werde ich fürderhin und das bis zu einer demokratischen Wende in der Türkei alle Einträge in diesem Tagebuch mit folgender Wendung (die, wie ich hoffe, korrekt ist*) beenden: Praeterea censeo: Erdogan non popularem.

*Hilfe für ein fehlerfreies Latein wird gerne entgegengenommen.

20. April 2016

Achtung: Satire! Jan Böhmermann erhält den VERDIENSTORDEN FÜR DAS VATERLAND, den zweithöchsten Orden der Russischen Förderation, für seine Verdienste um die Freiheit des Journalismus.

6. April 2016

In die Jahre gekommen. DER SPIEGEL ist in die Jahre gekommen. Wie seine Leserschaft. Der ultimative Beweis dafür findet sich im aktuellen Heft Nr. 14/2016 auf Seite 95: eine halbseitige Anzeige der Firma Lifta GmbH.
Lifta stellt Treppenlifte her. Manchem ist dieses Unternehmen vielleicht von Werbekampagnen in geriatrischen Mobilitätsfächblättern wie der ADAC motorwelt bekannt (siehe die aktuelle Ausgabe Nr. 4/2016, Seite 69). Es muss aber nicht die erste Lifta-Anzeige im SPIEGEL gewesen sein. Ich lese das Blatt nicht mehr so häufig wie früher, als der Montag auch mein SPIEGEL-Tag war. Doch seit im Januar 2015 der Erscheinungstermin auf Sonnabend vor- (oder zurück-)verlegt wurde, haben sich unsere Wege immer öfter getrennt.
Jetzt also Lifta. Es hat den Anschein, als folge DER SPIEGEL damit der demografischen Kurve seiner Leserschaft. Worauf auch der Sonnabend-Termin hinweist, wie ich finde. Was indes schade ist. Gut. Die Schlauen könnten einwenden, dass DER SPIEGEL zu Beginn seiner Karriere auch sonnabends erschien (dann donnerstags und mittwochs). Aber das war 1947! Ein Land lag in Trümmern und musste aufgebaut werden. Nicht nur publizistisch. Es gab keine 5-Tage-Woche (die folgte schleppend erst ab Mitte der 1950er Jahre). Am Sonnabend wurde also noch feste gearbeitet. Und am Abend DER SPIEGEL gelesen. Und sonntags. Falls etwas spannend war.
Und heute? Der Sonnabend war mal Sportschau-Tag. Ist lange her. Heute gibt es die Bundesliga wenn man will an jedem verdammten Tag. Noch dazu haben immer flexiblere Arbeitszeiten, Homeoffices etc. die 5-Tage-Arbeitswoche für viele längst zu einer 7-Tage-24-Stunden-Lebenszeitbelastung mutieren lassen. Was auch bedeuten kann, dass freie (Lese-)Tage wie Meteoriten eher unverhofft auftauchen können. Einzig der Sonntag wird - zumindest in Deutschland - als ein mehr oder minder unantastbarer Frei-Tag ohne Shopping-Walk und Werkalltag von Kirchen und Gewerkschaften freigehalten. Was nun aber bedeutet: Im Leben stehende, agierende und entscheidende Leser und Magazin treffen einander immer seltener zur rechten Zeit.
Aber Rentner arbeiten nicht (jedenfalls nicht die, die in der Leseranalyse des SPIEGEL gemeint sein dürften). Und sie gehen am Sonntag auch nicht einkaufen. Wegen der Tradition. Bedeutet: sie haben zwei Tage Zeit, um den SPIEGEL zu lesen!

2. März 2016

Wohl verdient III. Jenny Erpenbeck erhält den Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen 2016. Wer in seinen ohnedies klugen Büchern Fragen stellt wie diese: "Wer entscheidet, mit welchen Gedanken die Zeit gefüllt wird?"*, ist dieses Preises würdig. Mehr als das.

*Jenny Erpenbeck, in: Aller Tage Abend, Albrecht Knaus Verlag München, 2012, S. 136.

1. März 2016

Es wäre so einfach, wenn es nur dumm wäre. Erika Steinbach, Mitglied des Deutschen Bundestages, dort auch Sprecherin für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion (!), hat ein Bild getwittert und versteht die ganze Aufregung darüber nicht. Mag sein, das Bild für sich genommen (ein kleines, sehr hellhäutiges Kind, steht inmitten von dunkelhäutigen meist Frauen, die sich überhaupt nicht unfreundlich zu ihm beugen) ist nicht das, meint nicht das, symbolisiert nicht das, was jetzt jeder denkt. Doch Frau Steinbach-Hermann, unter diesem Namen habe ich Sie in Bonn Anfang der 1990er Jahre kennen gelernt, setzt auf dieses Bild, das für sich genommen gewiss nicht ist, was alle meinen, die Zeilen: „Deutschland 2030“ und „Woher kommst du denn?“ Sehr geehrte Frau Steinbach-Hermann, wussten Sie wirklich nicht, dass Bilder eine (politische) Waffe sein können. In Kombination mit Worten sogar eine hochgefährliche, missverständliche (oder eben nicht missverständlich)! Sind Sie tatsächlich so dumm? Das glaube ich nicht.
Man stelle sich vor, Sie wären wirklich Oberbürgermeisterin von Frankfurt am Main geworden, so, wie Sie es einst wollten, hielten Sie sich doch für geeigneter als Frau Roth. Wie anders sähe Frankfurt heute aus? Aber zum Glück für die Stadt und das Land, wurden Sie es nicht. Zum Glück, wie Sie auch jetzt (wieder einmal) bewiesen haben.
Sehr geehrte Frau Steinbach-Hermann, es wäre so einfache, könnte man Ihnen neben Selbstüberschätzung auch noch (politische) Dummheit unterstellen. Aber so einfach ist es nicht. Und deshalb ist Ihr Tweet umso entlarvender, gefährlicher, verachtungswürdiger.

24. Oktober 2015

Wohl verdient II. Der Historiker Werner Dahlheim erhält den Golo-Mann-Preis für Geschichtsschreibung 2015 für sein Buch Die Welt zur Zeit Jesu, erschienen im Verlag C.H. Beck 2013. Der Preis ist wohl verdient und kommt doch spät. Schon Dahlheims Augustus Biografie, drei Jahre zuvor ebenfalls bei den Münchnern herausgekommen, war preiswürdig.

17. Juni 2015

Prinzendämmerung. Seit der peinlichen Missbrauchsaffäre um Notate und Mitschnitte von Interviews, die einem früheren deutschen Bundeskanzler bei einer Veröffentlichung auch noch den letzten schalen Glanz seines einst gleißenden Glorienscheins kosten dürften, hat man den Eindruck, dass nicht nur bei den Granden des politischen Lebens, sondern auch bei tiefer stehenden Chargen sich so etwas wie Angst breit macht. Angst vor dem Bild, das sie in der Öffentlichkeit abgeben – erst recht vor der Nachwelt. Einer, der vermutlich heute schon an seinem Nachruhm arbeitet, ist der Oppositionsführer im nordrhein-westfälischen Landesparlament. Der ehemalige Lehrbeauftragte im Studiengang „Europastudien“ an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen (1999 bis 2015) hatte, nachdem eine von ihm veranlasste und später korrigierte Klausur auf dem Postwege verschwunden war, selbige Klausur anhand eigener Notizen noch einmal bewertet. Der Prüfungsausschuss der RWTH hatte dem Procedere wohl zugestimmt. Soweit so ... Dumm nur, dass nicht alle im Nachhinein benoteten Studenten nämliche Klausur tatsächlich geschrieben hatten. Was aber immer noch kein Anlass für Häme oder politisch motivierte Unterstellungen gewesen werde. Bis jetzt. Denn nun hat selbiger Aachener Hobbyhochschullehrer, Ex-Chefredakteur der Kirchenzeitung für das Bistum Aachen, Ex-Ratsherr der Stadt Aachen, Ex-Abgeordneter des Deutschen Bundestages, Ex-Abgeordneter des Europäischen Parlaments, Ex-Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen, Ex- Minister für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien (ebenda) und aktuell Abgeordneter des Nordrhein-Westfälischen Landtages, Mitglied des Bundesvorstandes der CDU Deutschland und deren stellvertretende Vorsitzender, Mitglied des Direktoriums zur Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen, des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), des Kuratoriums der Theodor Heuss Stiftung sowie der Europäischen Akademie der Wissenschaft und Künste, Salzburg* zugegeben, eben jene Klausur-Notizen (auch) nicht mehr zu besitzen. Laut eines Zeitungsberichts habe er sie „nicht aufbewahrt“, weil der Prüfungsausschuss der RWTH sich mit der nachträglichen Benotung der Arbeit ja einverstanden erklärt habe. Kann schon sein, dass das stimmt. Dumm nur, dass alle wissen: Im politischen Leben sind solche kleinen, nennen wir sie „Verfahrensfehler“ für jemanden, den es ganz offensichtlich nach Höherem geriert, eine Bürde, die mit den Jahren immer schwerer wiegt. Wie sagte schon Julia Roberts in dem Film „Nothing Hill“: „Das kommt in die Archive! Das werde ich ewig bereuen!“ – Versprochen, Herr Abgeordneter!

*Quelle: http://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/Webmaster/GB_I/I.1/Abgeordnete/Ehemalige_Abgeordnete/details.jsp?k=01569

26. März 2015

Ergreifend. Die Wochenzeitung DIE ZEIT No 12, vom 19. März 2015, publizierte auf Seite 51 letzte Tagebucheinträge des Feuilletonisten und Romanciers Fritz J. Raddatz, der sich am 26. Februar 2015 in der Schweiz das Leben nahm (legaler, begleiteter Suizid). Dieser Text, der den Bogen von November 2014 bis zum 1. Februar 2015 spannt, ist so ziemlich das ergreifendste, zugleich liebevollste, mithin meisterlichste, was meiner Erinnerung nach je über den (nahenden) Tod geschrieben wurde. Er ist es umso mehr, als es sich nicht um eine Fiktion, nicht um eine erdichtete Person handelt, sondern um die autobiografische Niederschrift eines Mannes, der bei klarem Verstand und voller Bewusstheit formulierte.

14. März 2015

Peinlich. Die Wochenzeitschrift Der Spiegel wirbt seit einiger Zeit für die, wörtliches Zitat, "besten guten Klassik-CDs"! Also nicht, dass es peinlich wäre, sich Klassik-CDs zu kaufen oder sie zu verkaufen, und ganz und gar nicht peinlich ist es, Werbung für Klassik-CDs zu machen. Das einzig peinliche ist hier die Wortwahl: "die besten guten". Also was, etwa die zweite Wahl? Es gibt Werbung, die niemand verdient hat ...

26. Januar 2015

Es gilt. Alle Kunst ist Bannung. (Dix)

7. Januar 2015

Trauer und Wut. JE SUIS CHARLIE!

21. Dezember 2014

Trauer III. Wenn wir ehrlich sind, sind es nicht jene, die vor der Zeit sterben, die uns eben die Zeit und ihr (vulgo unser) Vergehen erklären. Das sind immer jene, die mit uns gehen. Die in der Zeit gehen. Der Sänger Udo Jürgens ist heute gestorben. Der Schriftsteller Fritz Rudolf Fries starb bereits am 17. Dezember, Ralph Giordano am 10. Dezember 2014, Siegfried Lenz am 7. Oktober 2014 ...

26. Oktober 2014

Der wahre Skandal. Da will sich ein staatsnahes weil einem Bundesland indirekt gehörendes (und) marodes Unternehmen durch die Veräußerung von (ungenutztem) Eigentum gewissermaßen aus eigener Kraft sanieren, um nicht zum wirtschaftlichen Sozialfall zu werden, und wird für diese im Grunde gar nicht einmal so dumme Idee – ist schließlich immer noch besser, als Leute zu entlassen – zunächst von einigen regionalen Museumsdirektorinnen und -direktoren gescholten, in deren hysterischen und irgendwie auch weltfremd klingenden Chor kurz darauf dann auch noch oppositionelle Teile der Landespolitik einstimmen. Beide sprechen von einem Skandal. Wobei die Begründung, worin der Skandal nun eigentlich besteht, letztlich sehr unterschiedlich sein dürfte. Bei dem betreffenden Eigentum handelt es sich übrigens um zwei Werke des Künstlers Andrej Warhola, besser bekannt als Andy Warhol: „Triple Elvis“ und „Four Marlons“ wurden einst (1977 bzw. 1978) für 183.000 D-Mark bzw. 205.000 D-Mark erworben. Erwarteter Erlös 2014 bei einer Auktion in New York: um die 100.000.000 – wohlbemerkt Euro, hieße rund 80.000.000 Euro für das klamme Unternehmen, so steht es zu lesen. Wohl dem Unternehmen, das über solche Rücklagen verfügt! Wenn es also wirklich etwas zu kritisieren, es vielleicht sogar einen Skandal in dieser Sache gibt, dann bestimmt nicht hinsichtlich der Idee, den Steuerzahler auf eine überaus sozialverträgliche Art und Weise zu entlasten. Ein Skandal ist, dass diese und andere Werke namhafter Künstler von einem quasi landeseigenen Unternehmen derart vernachlässigt wurden, dass einige davon wohl bereits unwiederbringlich verloren sind (siehe eine 2003 zerstörte, 13 Meter hohe Lichtskulptur des ZERO-Mitbegründers Heinz Mack), andere schon seit Jahrzehnten nicht mehr öffentlich zugänglich waren und folglich in Vergessenheit gerieten, so dass nicht einmal der seit langem in Aachen lebende Fraktionschef der Grünen im Nordrhein-Westfälischen Landtag, Reiner Priggen (dessen Ehefrau, die Grünen-Politikerin Gisela Nacken, im Übrigen seit 1999 als Dezernentin bei der Stadt Aachen tätig ist[!]), von deren Existenz gewusst haben will! Ein Skandal ist, dass hier Aufsichts- und Fürsorgepflichten das Eigentum (und Kapital) des Unternehmens betreffend durch frühere und auch gegenwärtige Geschäftsführungen des Unternehmens und deren Aufsichtsgremien auf eklatante Weise verletzt wurden! Denn, wie heißt es im Grundgesetz, Artikel 14, Ziffer 2: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“.

29. September 2014

Wohl verdient. Der Historiker Karl Schlögel soll, laut der Tageszeitung DIE WELT v. 27.9.2014, den amtierenden russischen Präsidenten einen „kleinen ehrgeizigen Lügner“ geheißen haben. Geschehen auf dem 50. Historikertag in Göttingen vor wenigen Tagen. Selbiger Schlögel, emeritierter Professor für Osteuropäische Geschichte, erhielt 2013 die Puschkin-Medaille des russischen Staates, die, so steht's im Internet, „für Verdienste im Bereich der Kultur, der Aufklärung, der Geisteswissenschaften, der Literatur und Kunst, für einen großen Beitrag zum Studium und zum Erhalt des kulturellen Erbes, zur Annäherung und zur wechselseitigen kulturellen Bereicherung der Nationen und Völker“ verliehen wird. Mich dünkt, dass ein Preis selten verdienter erworben wurde, als dieser durch Schlögel – nachträglich!

18. August 2014

Trauer II. Es gehört zu jenen Lächerlichkeiten, die die Geschichte immer wieder einmal für uns parat hält, dass in der im deutschdeutschen Wiedervereinigungsjahr 1990 veröffentlichten allerersten zweibändigen (Ost-)Ausgabe von Wolfgang Leonhards Bestseller „Die Revolution entläßt ihre Kinder“ auf den Seiten 4 und 312 folgende editorische Notiz zu lesen ist: „Lizenzausgabe des Reclam-Verlages Leipzig für die DDR und die anderen sozialistischen Länder mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch, Köln“. Lächerlich ist das deshalb, weil die DDR 1990 längst kein sozialistisches Land mehr war. – Die betreffenden beiden ehemals weißen, heute etwas vergilbten Bände liegen vor mir, da ich diese Zeilen schreibe. Beim Durchblättern finde ich drei Textstellen, die ich mir damals markiert habe. Zwei im ersten Band, auf Seite 182 die beiden letzten und auf Seite 233 die beiden ersten Absätze. Darin geht es, verkürzt gesagt, um das Informationsmonopol der Herrschenden in einem stalinistisch-kommunistischen System. (Ich erinnere, mir daraufhin für verschiedene Gelegenheiten ein auf dem Kopf stehendes Pyramiden-Diagramm als Illustration einfallen lassen gehabt zu haben.) Im zweiten Band habe ich tatsächlich nur das Zitat unseres Altvorderen Friedrich Engels auf Seite 552 markiert: „Das siegreiche Proletariat kann keinem fremden Volke irgendwelche Beglückung aufzwingend, ohne damit seinen eigenen Sieg zu untergraben“. Wie viel Wahrheit doch in diesem einen Satz steckt ...
Der diesen Satz zitiert und aufgeschrieben hat, irgendwann zwischen 1953 und 1955, der kluge Wolfgang Leonhard ist am 17. August 2014 gestorben.

24. Juli 2014

Taktlos. Der Artikel selbst liest sich dann doch beinahe wie erwartet. Katrin Bettina Müller, Kulturredakteurin der taz, schreibt am 18. Juli 2014 nicht sonderlich viel anderes über den am Tag zuvor in Berlin verstorbenen ZERO-Mitbegründer Otto Piene als ihre Kollegen. Vielleicht ist ihr Ton eine Spur reservierter; mag sein, sie macht aus ihrem Unverständnis gegenüber dem, wofür der Name Otto Piene in der Kunst seit den späten 1950er Jahren stand, ein weitaus kleineres Geheimnis als andere. Dies alles sei ihr zugestanden. Niemand soll heucheln müssen, nur weil viele, die meisten, zeitgleich voll des Lobes für (und der Traurigkeit um) einen Einzelnen sind. Aber die Überschrift über Müllers Artikel ist, mit Verlaub, taktlos: Mit Chauffeur in den Tod steht da in großen Lettern. Otto Piene starb in einem Taxi! Wenn es auch seit einiger Zeit in der Hauptstadt einen so genannten "Premium Service" gibt, für den Berliner Taxifahrer u.a. ein Mindestmaß an Benimm, Höflichkeit und vor allem: Servicefähigkeit nachweisen müssen, damit sie sich dann ein sehr viel versprechendes Logo - "VIP Quality Taxi Service" - an ihre Windschutzscheibe kleben dürfen, echte Chauffeure sind Taxifahrer auch dann noch nicht. Mal ehrlich: Wer will die schon? Und zugegeben, stünde die gleiche Überschrift in einer Zeitung aus Österreich oder der Schweiz, ich dächte gar nicht länger darüber nach. Man sagt da vieles anders. Doch die Überschrift steht nun einmal in der taz. Und die taz hat einen Ruf. Schade, dass sie sich den immer wieder selber ruiniert.

17. Mai 2014

Fundsache. Der Titel dieses Textes war wohl poetisch gemeint, liest sich heute aber eher sperrig: "Die Welt der Rhythmen und Schatten. – Kurzer Abriss zu den Arbeiten von Ralf Mazura". Entstanden ist er 2003 während eines Urlaubs in Süditalien. Der Anlass, der zu ihm hingeführt hat, ist mir indes nicht mehr erinnerlich. Auch nicht, ob er je veröffentlicht wurde. Ralf Mazura traf ich im selben Jahr anlässlich der Quer03-Ausstellung in Monschau, die von meinem Freund Kai Savelsberg initiiert wurde. Später habe ich ihn in seinem Atelier besucht. Aber das ist lange her. Deshalb oder vielleicht auch trotzdem will ich den Text hier [113 KB] ablegen.

7. April 2014

Geisterfahrer II. Nachdem die völkerrechtswidrige Annexion der Krim für ihn so folgenlos erfolgreich gewesen ist, nachdem Europa angesichts seiner Großmachtgelüste zwar neu zueinander gefunden hat aber dennoch immer noch viel zu zaghaft, fast ängstlich agiert, ja, nachdem er nun mittels para- und/oder echter militärischer „Berater“ sogar kurz davor steht, sich ein weiteres Stück der Ukraine einzuverleiben – was bleibt?
Was bleibt, ist:
Erklärt ihm den Krieg! Den wirtschaftlichen, kulturellen, publizistischen, politischen Krieg! Erklärt ihn zur Persona non grata überall auf der Welt! Stellt ihn vor das Gericht der Völker der Welt! Sperrt seine Konten und die der seinen! Lasst Verträge ruhen, setzt Verhandlungen aus, stellt sämtliche Gespräche ein – auf allen Ebenen! Lasst los einen Sturm der Entrüstung in den Medien und Parlamenten, auf Kundgebungen und überall dort, wo Menschen zueinander kommen, und sagt es allenthalben: Dies alles geschieht nur, weil er das Recht der Völker missachtet! Dies geschieht, weil er dem Frieden nicht traut und ihn stattdessen in Gefahr bringt! Dies geschieht, weil er die Welt 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges und 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges soweit gebracht hat, dass sie nur noch einen kurzen Schritt entfernt von einem Dritten Großen Krieg ist!
Denn nicht Russland und die Russen sind verantwortlich. Er ist es, Wladimir Wladimirowitsch Putin, er trägt die Verantwortung!

30. März 2014

Nachtrag zu Endlich II. Presseberichten zufolge hat der frühere italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi seinen Orden „Ritter der Arbeit“ (Cavaliere del Lavoro) jetzt aus freien Stücken zurückgegeben. Wie es heißt, kam er damit einem ohnehin drohenden Ausschluss aus dem renommierten Ritterorden zuvor. – Es wird sicher nicht der letzte „freiwillige“ Rückzug Berlusconis gewesen sein, der noch vor drei Jahren vollmundig drohte, er wolle 120 Jahre alt werden und niemand könne ihn währenddessen daran hindern, Politik zu machen. Nun, niemand sicher nicht, aber er selber schon.

20. März 2014

Geisterfahrer. Der politische Kurs des früheren (?) Mitarbeiters des KGB und amtierenden Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Wladimirowitsch Putin, gleicht dem eines Autofahrers, der, nachdem er zum wiederholten Male die Verkehrswarnung vor einem Geisterfahrer im Radio gehört hat, mantramäßig in sich hinein grummelt: „Einer? Hunderte! HUNDERTE!“ – Dumm nur, dass, sollte es im Falle dieses Verwirrten tatsächlich zu einem Crash kommen, am Ende vielleicht ein weltweiter Krieg herrscht.

20. Februar 2014

Von Tätern und Opfern. Der kluge Horst Bredekamp ist einer Fälschung aufgesessen. Er habe, heißt es, vor einigen Jahren aus Freude über den Fund einer angeblich vom Genie selbst illustrierten Ausgabe der Galileo Galilei-Schrift SIDEREUS NUNCIUS die „angeratene Sorgfalt bei der Prüfung von Authentizität und Provenienz vernachlässigt“ (Andreas Platthaus in der FAZ v. 26.01.2014). Der Augenmensch Bredekamp ließ sich blenden. Ja. Da gibt es nichts zu beschönigen. Doch was an sich für den Betroffenen schon schlimm genug ist, führt darüber hinaus zu Häme und manch anderer Bösartigkeit. Die Neider wittern ihre Chance immer, wenn die Besten straucheln. Doch während jede Aufdeckung einer Fälschung etwas Gutes birgt, wie schmerzlich und schmachvoll sie auch für denjenigen ist, der ihr aufgesessen, der dafür Geld gezahlt, sich darauf berufen oder, vielleicht, sie zum Zeugnis für eigene Thesen und Ideen gewählt hat, sollten die vielen selbstberufenen Richter in ihren Anklageschriften und Beweisanträgen niemals vergessen, dass es zuvorderst Fälscher waren, Kriminelle, die ohne jeden Skrupel aus der Begeisterung anderer Kapital für sich zu schlagen wussten. Wenn also jemand verurteilt werden sollte, dann nicht die, deren Enthusiasmus, deren Liebe sie dazu verleitete, die gebotene Sorgfalt (einmal) außen vor zu lassen. Das hieße, die Täter durch die Opfer ersetzen. Wer wahrhaft liebt, der fehlt zuweilen – der darf fehl gehen in seinem Urteil.

4. Dezember 2013

Märchenrepublik. Ich denke gerade daran, wie abgeschnitten sie war. Die gemeinsame Geschichte. Unwiederholt. Ausgeblendet. Aus dem Zusammenhang gerissen. Vergessen. (So denkt man komisch, im Alter.) Ein Beispiel. Wir wussten zwar, irgendwann die meisten, dass der „oberste Kümmerer“ (Martin Sabrow) aus Neunkirchen im Saarland stammte. Neunkirchen, mit Betonung auf der ersten Silbe aber dafür wenige Kilometer entfernt von Saarbrücken und nicht nahe Leipzig, was einige eher glauben wollten, weil der Berufsjugendliche genauso schlecht sprach wie sein Vorgänger, der sportliche Ziegenbart. Aber Bedeutung hatte dies Wissen keine. Denn es änderte nichts. Dabei wäre die darin eingeschriebene (Lebens-)Wahrheit einem Menetekel gleich gekommen: Der Erste Bürger gebürtig aus dem Saarland, auch noch mit Familie dort, der Chefideologe sah in Bietigheim zuerst das Licht der Welt, der streitbare Nationaldichter stammte aus Augsburg, der Nationalhymnendichter gar aus dem reaktionären München, der Parteiengleichschalter wurde in Braunschweig geboren und war dortselbst gleich mehrfach Minister im gleichnamigen Freistaat, und unser aller Hoffnung kam aus Mayen, einem schattigen Ort in der Eifel, ganz im Westen, und besuchte zum Zwecke der Tarnung (und aus Überlebenswillen) eine Adolf-Hitler-Schule, er soll ein Jugendfreund von Mario Adorf gewesen sein, dem besten deutschen Schurkendarsteller aller Zeiten, heißt es. – Will sagen? Will sagen, dass wir schon immer ein Volk waren. Wir drüben hatten es nur irgendwie vergessen, ausgeblendet, nicht oft genug wiederholt …

28. November 2013

Endlich II. Der italienische Senat hat heute Silvio Berlusconi ausgeschlossen und damit einem Gesetz vom Dezember 2012 Genüge getan, dessen Erlass seinerzeit pikanterweise auch Berlusconis eigene Partei zugestimmt hatte. Damit verliert der erfolgreichste Verführer des italienischen Volkes seit Benito Amilcare Andrea Mussolini jetzt aber nicht nur seine Immunität und kann, infolgedessen, wie jeder andere Bürger seines Landes verhaftet werden. Die Schimäre Silvio Berlusconi, dieses groteske Politkunstwerk, dieses Stück italienische Realsatire, es verliert seinen Hauptdarsteller. Mir stellt sich angesichts dieses Freitods mit Ansage die Frage, ob oder besser warum Il Cavaliere im Dezember 2012 eigentlich nicht die Möglichkeit bedacht haben sollte, diesem Gesetz und seinen Konsequenzen einmal selbst zu unterliegen? Perché? Es war ja nicht so, dass die Weste des Cavaliere del Lavoro von 1977 (daher der Cavaliere) bis dato blütenrein gewesen wäre. Schaut man sich einmal den Kriterienkatalog an, den laut Wikipedia seit 1986 jeder, der mit dem titelgebenden italienischen Arbeitsverdienstorden ausgezeichnet werden soll, erfüllen sollte, fällt einem ein Kriterium besonders auf: die dort geforderte makellos gesittete und soziale Lebensführung. Und wenn auch nur ein Jota dessen zuträfe, was man Berlusconi im Laufe der letzten sagen wir 20 Jahre vorgeworfen, unterstellt, dessen man ihn reihenweise angeklagt und zum Teil sogar verurteilt hatte, wenn, dann ist Il Cavaliere niemals ein Ritter der Arbeit und damit ein nobler Mensch gewesen. Ancora una volta: Perché? Mir fällt als Antwort darauf nur eines ein: Hybris. Größenwahn*.

*Größenwahn wäre auch ein guter Titel für diesen Tagebucheintrag gewesen aber ich fand „Endlich“ dann doch passender.


27. November 2013

Scheinheiligkeit. Habe gestern eine kurze Meldung im WDR-Radio gehört, dass die SPD-Spitze „aus Rücksicht auf die Basis und die Entscheidung der Mitglieder über die (mögliche) große Koalition“ entschieden habe, erst nach der Mitgliederbefragung zum anstehenden Koalitionsvertrag die Namen der SPD-Ministerkandidaten zu veröffentlichen. Blödsinn. Sie trauen sich nicht, weil Frau Nahles und Herr Lauterbach oder selbst der dicke Herr Gabriel nicht Massen- Verzeihung Mitgliederkompatibel sind.

20. November 2013

Trauer. Dieter Hildebrandt ist tot. Jetzt werden sich die Nachrufe türmen. Auch von denen, derentwegen er auf der Bühne stand oder schrieb oder sich sonst äußerte. Sie werden die Gunst der Stunde nutzen. Ob er das gewollt hätte . . .

8. Oktober 2013

Warnung. An alle Potentaten, Verführer und Möchtegern-Cäsaren: Euer letzter Tag wird kommen! Silvio war nur der Anfang, Wladimir Wladimirowitsch. Denn wo Demokratie herrscht, haben Dummheit und Ignoranz keine Chance.

25. September 2013

Eigenlob. Keiner, der öffentlich arbeitet*, ist gefeit vor dem was man Eitelkeit nennt. Wer über das Werk anderer schreibt oder für Fremde singt, wer immer wieder einmal Gedichte aufsagt und dafür Geld bekommt oder Rollen spielt vor Gästen, der sucht sich hin und wieder auch selber. Ehrlich, der googelt sich! Und wer sich dann auch noch findet im Netz, wer also eine Referenz seines Öffentlichen Arbeitens belegt bekommt, ist darob (zu Recht?) besonders stolz. Ich jedenfalls für meinen Teil gebe gerne offen und ehrlich zu, wieder einmal vor Stolz beinahe rot angelaufen zu sein, als ich vor einigen Wochen bei meinem routinemäßigen World Wide Web-Screening auf einen neuen Kunstkatalog gestoßen bin, der unter dem Stichwort „Skowron 1996“ einen meiner Aufsätze über den Maler Willy Kriegel als Literatur aufzählt! Mein Text über den Dresdner Kriegel wird zwar nur im Vergleich herangezogen. Doch was will ein (wissenschaftlicher) Autor mehr, als dass seine Texte auch 17 Jahre nachdem sie veröffentlicht wurden noch von irgendjemandem gelesen werden?! Der betreffende Literaturhinweis findet sich übrigens in: Gerd-Helge Vogel, RUDOLF NEHMER. Zum 100. Geburtstag des Künstlers, Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte Berlin, 2013 (ISBN 978-3-86732-148-8).

*Öffentlich arbeiten, ein Sammelband mit Essais und Gesprächen von Christoph Hein, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1987.


25. August 2013

Von der Wahrheit II. Es heißt, zu lügen gehöre im gewissen Maße zum alltäglichen Leben. Wer nicht hin und wieder lüge, der käme nicht ans Ziel, egal ob privat oder beruflich. Das Geheimnis liege einzig im – eben im Maß. Denn die Notlüge, das Flunkern, verändere nicht das Leben. Im Gegenteil. Die Notlüge etwa könne helfen, den Status quo aufrecht zu erhalten. Und zu flunkern gehöre zur Liebe wie der, nun ja, wie der vorgetäuschte „la petite mort“. Nur wer fortgesetzt lügt, wer auf ein fehles Wort ein anderes setze und noch eines und noch eines, der beeinflusst irgendwann den Lauf der Dinge, bis sie ihm schließlich entgleiten. Gerecht also, dass, der solches tut, leidet: Atemnot, Herzrasen, Schlafstörungen, die Liste der gesundheitlichen Probleme ist lang. Aus der, heute gottlob beendeten Zusammenarbeit mit einem pathologischen Lügner weiß ich, auf eben diese Liste gehören auch: Übermut, Selbstüberschätzung, Eitelkeit, cholerisches sowie manische Verhaltensweisen . . . q.e.d.

28. Juli 2013

Von der Wahrheit (Über Grass II). Nun sollte man nicht jedes Wort eines 85-Jährigen - und sei der auch Literaturnobelpreisträger - als debattentauglich wichtig nehmen, das wäre wirklich zu viel der Ehre. Dennoch lag in Grass' Diktum über die doppelte Ausbildung der Kanzlerin insbesondere eines: ganz viel Wahrheit. In einem autoritären Regime wie dem in der DDR (und es sei an dieser Stelle nur an die "Diktatur des Proletariats" erinnert, von der die wenigsten heute noch wissen, was sie für den Einzelnen damals bedeuten konnte), galt es vor allem, Opportunität zu lernen. Wer zum Beispiel nicht dem Proletariatsadel entstammte, wie Angela Kasner, die bekanntlich die Tochter eines evangelischen Theologen und einer Lehrerin ist, der musste sich anpassen, wollte er mehr erreichen als einen Facharbeiterbrief. Trotz Kirchgang nicht nur an Weihnachten, Abendgebet und Katechetenunterricht wurde man also durchaus absichtlich freiwillig zunächst Jung- dann Thälmann-Pionier und später FDJler. Und wer ohne Patzer Gedichte aufsagen konnte und auch sonst die freie Rede einigermaßen beherrschte (was man besonders gut im Kindergottesdienst, auf Jugendkirchentagen oder beim Krippenspiel vor der Gemeinde lernen konnte), der war schneller für "Agitation und Propaganda" verantwortlich als er Schillers Bürgschaft rezitieren konnte. Zu den vornehmsten Aufgaben jener jungen Propagandisten gehörte es dann, sich um die Wandzeitung des Klassenkollektivs zu kümmern, einer meist mit blauem oder rotem Fahnenstoff bespannten Spanholzplatte, auf der mit Zeitungsausschnitten, selbstverfassten Berichten und reichlich Bildmaterial Infomationen zu aktuellen Themen wie dem nächsten Ernteeinsatz, den bevorstehenden Volkskammerwahlen oder dem Niedergang des Kapitalismus veröffentlicht wurden. Was man in dieser Funktion also lernte konnte, war das schnelle Zueigenmachen von Themen (und Meinungen). Als Kanzlerin profitiert Frau Merkel bis heute von dieser Schule, Stichwort: Atomausstieg. Und somit hat Grass Recht. Hat er im Übrigen auch mit seiner Einschätzung in Bezug auf Merkels zweiten Bildungsweg unter Helmut Kohl. Wie kein anderer Politiker verfügt Frau Merkel über die Fähigkeit, sich eigenerworbene oder ihr zugetragene Macht zu erhalten. Die grundsätzliche Strategie dafür, nämlich Opportunität, erlernte sie noch in der DDR. Doch wie man sich Macht praktisch sichert, das brachte ihr Helmut Kohl bei; bis hin zum kompromisslosen Umgang mit internen Kritikern und Konkurrenten. Es wäre also schlicht die Unwahrheit, wollte man behaupten, die Kanzlerin hätte nicht zu lernen gewusst. Nichts anderes aber hat Günter Grass behauptet.

1. Februar 2013

Endlich. Kurz nacheinander sind jetzt zwei wunderbare Bücher erschienen, die ich allen nur empfehlen kann, welche sich für zeitgenössische Fotografie interessieren und denen es trotzdem nicht nach Gursky gelüstet. Da wäre zum einen der sehens- und lesenswerte Band STAMMHEIM von Andreas Magdanz. Nach Vogelsang, Pullach, Auschwitz-Birkenau, Marienthal und Garzweiler eine weitere Arbeit des in Aachen lebenden Fotokünstlers über einen Ort, an dem deutsche Geschichte passiert ist, wo ihr Leid angetan, wo sie verwaltet und gerichtet wurde, weggebaggert und manchmal auch erst erfunden. Das andere, schon wegen seiner Größe beeindruckende Buch trägt den Titel URBAN ELEMENTS und stammt von David Koenig. Koenig begreift die Architektur (nicht nur) der Metropolen dieser Welt als skulpturale Kunst - und er zeigt dies in seinen Arbeiten.

5. Oktober 2012

Cui bono? Studien belegen, Frauen in Führungspositionen verdienen bis zu 30 Prozent weniger als Männer (siehe u.a. SPIEGEL online v. 04.10.2012). Darüber wundere sich, wer will. Um einiges beredter scheint mir da schon der Ruf nach einer (gesetzlichen!) Quote eben für mehr Frauen in Führungspositionen. Um mit Cicero zu fragen: Cui bono? Was nämlich mich wirklich verwundert, ist, dass sich nicht noch mehr Unternehmen für eine solche Frauenquote einsetzen. Denn das durchschnittliche Jahresgehalt für den Chef eines Dax-Unternehmens liegt angeblich bei rund 5 Mio. Euro p.a.; alle Dax-Aufsichtsräte sollen 2011 zusammen rund 70 Mio. Euro erhalten haben. Allein das sind schon rund 220 Mio. Euro. Davon 30 Prozent wären eine hübsche runde Summe. Und darin sind die übrigen Vorstandsmitglieder noch gar nicht berücksichtigt. Wie also wäre das: Statt dass demnächst ein Unternehmen seine Belegschaft der Rendite wegen um, sagen wir, die Hälfte reduziert, könnte man doch einfach Vorstand und Aufsichtsrat entsprechend umbesetzen. Der Spareffekt wäre monitär betrachtet vielleicht sogar derselbe. Doch der soziale Effekt wäre einfach unbezahlbar!

11. Mai 2012

Vom Unbekannten. Hin und wieder findet man ihn noch, den Aufbruch ins Unbekannte. Dabei gibt es heute kaum mehr etwas, was nicht mindestens ein Mal irgendwann und -wo beschrieben, abgebildet oder besungen wurde. Für den Einzelnen mag es ja stimmen. Doch wer glauben wir, zu sein, dass wir von uns auf alle schließen könnten? Selbst Kolumbus, der Genueser in spanischen Diensten, hat Amerika nur wiederentdeckt, auch wenn ihm dies zeitlebens verborgen blieb. Nein, die Formel vom Aufbruch ins Unbekannte kann die Anmaßung nicht leugnen, die neben allem andern wie Wagemut, Forscherdrang oder Fantasie eben auch in ihr eingeschrieben ist, und die gelegentlich dazu führt(e), dass das Unbekannte als etwas niederes, weniger wertvolles gesehen und behandelt wird.

30. April 2012

Über Grass. Ein Gedicht kann niemals Recht haben. Es kann stimmen. Das ist ein Unterschied. Recht haben würde bedeuten, für alle, in allem. Aber es stimmt doch immer nur für einen allein, für seinen Schreiber, für manchen Leser, im Augenblick, da beide das Ihrige zu dem Gedicht beitragen, es schreiben oder lesen. Je größer die Gruppe ist, die sagt: Es stimmt, desto größer die Quantität des Erfolges, indes über die Qualität dann noch lange nichts gesagt wäre. Was im Übrigen auch zuträfe, bestünde diese Gruppe aus nicht mehr als einem.

14. April 2012

David Koenig. Von seinen Fotografien bin ich begeistert; unsere erste Zusammenarbeit war für eine Ausstellung in der Galerie Freitag 18.30. Neben der Rede entstand ein weiterer Text, der eigentlich für ein Buch über seine Architekturfotografien vorgesehen war, das demnächst erscheinen soll. Doch der Verlag hat abgelehnt. Ich weiß gar nicht, ob dankend? Aber der Text existiert - hier [83 KB] kann man ihn nachlesen.